{"id":170,"date":"2016-08-16T16:28:48","date_gmt":"2016-08-16T14:28:48","guid":{"rendered":"http:\/\/namaste-sathi.com\/?p=170"},"modified":"2016-08-16T16:31:17","modified_gmt":"2016-08-16T14:31:17","slug":"ein-trauriger-tag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/namaste-sathi.com\/?p=170","title":{"rendered":"Ein trauriger Tag"},"content":{"rendered":"<p>Schon heute morgen auf dem Weg zur Arbeit fiel uns eine gro\u00dfe Menschenmenge auf der Stra\u00dfe vor dem Krankenhaus und vor der Wartehalle der Klinik auf. \u00a0Menschen allen Alters standen in kleinen Gr\u00fcppchen nebeneinander oder in gr\u00f6\u00dferen Kreisen um einen zentralen Sprecher versammelt auf dem Gel\u00e4nde herum. Es konnte sich hierbei nicht einfach nur um ein verst\u00e4rktes Patientenaufkommen handeln, dem das Scheer Memorial in diesem Ausma\u00df auch sicher nicht gewachsen w\u00e4re. \u00a0Auch war der Wachschutz der Klinik, der sonst das Tor und die Eing\u00e4nge zu einigen Abteilungen bewachte an diesem Tag verst\u00e4rkt worden. Vllt handelte es sich bei den uniformierten und bewaffneten M\u00e4nnern aber auch um Polizisten oder Soldaten, die heute extra zu uns abkommandiert worden waren.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nSp\u00e4ter erfuhren wir, dass es sich bei den geduldig wartenden Menschen um Angeh\u00f6rige der Opfer eines schweren Verkehrsunfalles handelte, der sich gestern Mittag Ca 50 km von Banepa entfernt ereignet hatte. Anup hatte uns bereits gestern davon erz\u00e4hlt und das ganze Krankenhaus hatte den Nachmittag in gespannter Erwartung verbracht, da mit einem Massenanfall von Verletzten gerechnet wurde. Zun\u00e4chst war von 15 Toten noch am Unfallort die Rede, sp\u00e4ter hie\u00df es gar 30 w\u00e4ren gestorben. Als auch nach mehreren Stunden keine Verletzten angeliefert wurden, war klar, dass unser Krankenhaus wohl keine Patienten mehr bekommen w\u00fcrde. Ein Hubschrauber war von Kathmandu aus gestartet und brachte die Patienten in die Krankenh\u00e4user in Kathmandu. Erst heute erfuhren wir, was wirklich passiert war. Ein wie immer vollkommen \u00fcberf\u00fcllter Bus mit knapp 90 Passagieren, viele davon wie wir es oft beobachtet hatten auf dem Dach des Buses reisend, war auf einer schmalen Bergstra\u00dfe unterwegs gewesen. Auf der nach den heftigen Regenf\u00e4llen schlammigen und rutschigen Stra\u00dfe hatten auf einem steil ansteigenden St\u00fcck die Bremsen versagt und der Bus war r\u00fcckw\u00e4rts die Stra\u00dfe hinuntergerollt und dann einen 150m tiefen Abhang hinunter gefallen. Diese Geschichte wurde von einem \u00dcberlebenden berichtet, der auf dem Dach des Busses gesessen hatte und gerade noch rechtzeitig abspringen konnte, bevor der Bus den Abhang hinunterst\u00fcrzte. Ein tragisches Beispiel f\u00fcr die mangelnde Sicherheit vieler Stra\u00dfen und Verkehrsmittel, auf die nat\u00fcrlich besonders die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung angewiesen ist. \u00a0Anup und ein weiterer Kollege waren gestern Nachmittag noch mit der Ambulanz zur Unfallstelle gefahren, aufgrund der schwierigen Stra\u00dfenverh\u00e4ltnisse und nassen Stra\u00dfe aber kaum voran gekommen, sodass sich auch die Bergungsarbeiten schwierig gestalteten. Heute konnten nun auch die 35 Toten geborgen werden und sollten zu unserer Klinik gebracht und hier aufgebahrt werden, um von ihren Angeh\u00f6rigen identifiziert zu werden und &#8211; nach der Leichenschau durch einen angereisten Amtsarzt &#8211; mit nach Hausse genommen zu werden. Gl\u00e4ubige Hindus werden in der Regel nach ihrem Tod verbrannt. Ein bekannter Ort f\u00fcr dieses letzte Ritual sind zum Beispiel die sogenannten &#8222;ghats&#8220; am Bagmati Fluss hinter dem Pashupathinath Tempel in Kathmandu. Angesichts der Trag\u00f6die zeigten sich die den ganzen Tag \u00fcber geduldig in der Sonne ausharrenden Menschen beeindruckend ruhig und gefasst, sodass das Prozedere offenbar geordnet und ruhig von Statten gehen konnte.<\/p>\n<p>http:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/verkehrsunfall-mindestens-menschen-sterben-bei-busunfall-in-nepal-1.3121874<\/p>\n<p>\u00dcber den Umgang der (gr\u00f6\u00dftenteils hinduistischen) Bev\u00f6lkerung mit Krankheit und Tod konnten wir diese Woche auch anhand des Beispiels eines schwerkranken Patienten auf der Intensivstation (schwere COPD, Sauerstoffabh\u00e4ngig, Lungenentz\u00fcndung ohne Besserung nach mehreren Zyklen verschiedener Antibiosen) etwas erfahren. Ein Gro\u00dfteil der Patienten verstirbt &#8211; im Gegensatz zu Deutschland &#8211; tats\u00e4chlich noch im Kreise ihrer Famlilie, da es als schlechtes Zeichen gilt, wenn ein Angeh\u00f6riger im Krankenhaus verstirbt. Sobald abzusehen ist, dass die Medizin am Ende ihrer M\u00f6glichkeiten und der Patient am Ende seines Lebens angelangt sind, holen die Verwandten ihn lieber rasch nach Hause, als ihn oder sie noch lange unn\u00f6tig im Krankenhaus leiden zu lassen. Das Krankenhaus sorgt daf\u00fcr, dass ausreichend Schmerzmittel oder andere ben\u00f6tigte Medikament f\u00fcr die letzten Tage verf\u00fcgbar sind und der Patient darf &#8211; wie es sich sicher auch viele unserer Patienten es w\u00fcnschen w\u00fcrden &#8211; in seiner h\u00e4uslichen Umgebung versterben. Nat\u00fcrlich gibt es auch hier pl\u00f6tzliche und unerwartete Todesf\u00e4lle im Krankenhaus, aber in absehbaren F\u00e4llen werden die Patienten nach Hause geholt. Au\u00dferdem ist mindestens ein Familienmitglied den ganzen Tag im Krankenhaus, in einigen Zimmern gibt es sogar kleine Pritschen, auf denen diese die Nacht verbringen k\u00f6nnen. Dies wird vom Krankenhaus nicht nur geduldet sondern ausdr\u00fccklich erw\u00fcnscht, da die Angeh\u00f6rigen unter anderem Medikamente aus der Apotheke besorgen, den Patienten bei der Morgentoilette assistieren oder f\u00fcr deren Verpflegung (f\u00fcr die das Krankenhaus nicht aufkommt) sorgen. Die Schwestern und Pfleger werden so nat\u00fcrlich immens entlastet, da f\u00fcr sie T\u00e4tigkeiten wie Waschen, Windeln wechseln oder Essen anreichen wegfallen. Lediglich die Patienten der Intensivstation kommen in den Genuss dieses (wie unsere nepalesische Kollegin es ausdr\u00fcckte) &#8222;Privilegs&#8220;. Ein weiterer Fakt den unsere pflegerischen Kollegen sicher begr\u00fc\u00dfen w\u00fcrden &#8211; es gibt hier keine Klingeln in den Zimmern! \ud83d\ude42<br \/>\nAuch f\u00fchrt die st\u00e4ndige Pr\u00e4senz der Angeh\u00f6rigen nicht dazu, das \u00e4rztliches und pflegerisches Personal unentwegt mit Fragen und bitten bedr\u00e4ngt wird, vielmehr k\u00f6nnen so die besorgten Ehepartner, Kinder oder Eltern bei der Visite sofort mit in die Behandlung einbezogen werden und \u00fcber den neusten Stand informiert werden.<\/p>\n<p>Nach dem heutigen etwas traurigen Blogeintrag aber zum Ende noch ein Foto und eine kleine Anekdote aus dem Outpatient Department zur Aufheiterung: Dort stellte sich heute eine \u00e4ltere Dame in Begleiteung ihrer Tochter und zweier Enkelkinder vor. Eines davon ein properer S\u00e4ugling auf dem Arm seiner Mutter, der uns unentwegt sein zahnloses Grinsen schenkte, das andere ein quirliges Ca 3 j\u00e4hriges M\u00e4dchen das in seinem Jeansr\u00f6ckchen auf den St\u00fchlen und B\u00e4nken im Arztzimmer herumkletterte und irgendwann anfing, mir mit seinen Patschfingerchen im Gesicht herumzustreichen. Ob es noch nie eine Ausl\u00e4nderin gesehen hatte und mal wissen wollte, ob die sich denn genauso anf\u00fchlen oder was der Sinn dieses kleinen Spiel war wei\u00df ich nicht, aber seine Mutter wies es mit strenger Stimme zurecht und ermahnte sie wahrscheinlich, dass es sich nicht geh\u00f6rte fremden Menschen, besonders der Frau Doktor, im Gesicht herum zu tatschen. Die Kleine antworte mit einem Krakelen, das ich nat\u00fcrlich ebenfalls nicht verstand, welches aber in jeder Sprache als trotzig-freche Erwiederung zu verstehen war. W\u00e4hrend die Mutter noch schockiert \u00fcber das ungeb\u00fchrliche Verhalten ihrer Tochter in der \u00d6ffentlichkeit war, griff George, der Clinical Assistent, in seine Schreibtischschublade und legte schweigend aber mit einem vielsagendem Blick in Richtung der Kleinen ein Fl\u00e4schchen Medizin und eine \u00a0enorme vorsintflutliche Spritze, die in dieser Asuf\u00fchrung sicher auch in Nepal nicht mehr verwendet wird, vor sich auf den Tisch. Von da an war das M\u00e4dchen ein Musterbeispiel an Wohlerzogenheit und blieb brav und schweigsam auf einem der St\u00fchle sitzen, bis Omi fertig mit ihren Untersuchungen war. Ob sie durch diese Erziehungsmethode in Zukunft aber ihre Angst vor dem Onkel Doktor verlieren wird ist fraglich \ud83d\ude42<\/p>\n<figure id=\"attachment_172\" aria-describedby=\"caption-attachment-172\" style=\"width: 700px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-172\" src=\"http:\/\/namaste-sathi.com\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/1BE22224-5261-4545-A819-D9223B11A11A-700x525.jpg\" alt=\"Geballte Kompetenz im Outpatient Department!! Untere Reihe: Weiblicher Clinical Assistant deren Namen wir leider vergessen haben (heutige Vertretung f\u00fcr Sanu, die leider nicht da war :( ) , Dr Marcel, Dr Cathrin, Dr Gaurav und Dr Moon. 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